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Generation Doof – Für wie blöd halten die mich eigentlich?
Donnerstag, 31. Dezember 2009, 04:23
Jaah, ich weiß, es ist eigentlich Januar und ich bin zu spät dran mit dem Dezember-Eintrag. Was soll’s. Der Eintrag bezieht sich immerhin auf ein Buch, das ich im Dezember bekommen und da auch größtenteils gelesen habe, so what.

Also, zum Thema. Ich habe mir vorgenommen, mal ein paar Worte zu “Generation Doof – Wie blöd sind wir eigentlich?”  von Stefan Bonner und Anne Weiss zu verlieren, das sich letztes dieses Jahr (also anno 2009) unter dem weihnachtlichen Tannenbaum fand. Ein Buch, das ich mir zwar nicht explizit gewünscht hatte, allerdings schon länger interessant fand und im Buchladen bereits öfter in der Hand gehalten hatte; mich fragend, ob ich die 8,95 Euro dafür ausgeben sollte oder nicht. Dementsprechend waren meine Erwartungen recht hoch…

Nun ja, was soll ich sagen? Sie wurden nicht erfüllt. Das Buch erhebt den Anspruch, aufzuzeigen, “wie dumm diese Generation wirklich ist”. Dass die beiden Autoren sich selbst zu dieser Generation Doof dazuzählen, ist dabei allerdings nur kurzzeitig von Vorteil, indem beim Leser die Hoffnung geweckt wird, er halte hier eine Art “Insiderbericht” in den Händern. In Wahrheit ist der “Insiderbericht” jedoch eher ein mit Offensichtlichkeiten gemaltes  Selbstporträt, dass viel mehr Altbekanntes aufwärmt, als durch neue Erkenntnisse zu überzeugen… Doch langsam, gehen wir das Ganze mal Kapitel für Kapitel durch:

Einleitung: Der Siegeszug der Dummheit

Wie gesagt, die Autoren reiten gerne auf altbekannten Probleme rum. Im ersten Kapitel wären das zum Beispiel die Tatsache, dass Gewinner bei Miss-Wahlen oft einen Intelligenzquotienten im Bereich ihres BMI haben, sowie die Erkenntnis, dass der Douglas-Werbespruch “Come in and find out” eher ein Griff ins Klo war, was das Verständnis bei der Zielgruppe angeht. Garniert mit der pauschalen Behauptung, alle Menschen in Deutschland zwischen 0 und 45 seien Teil dieses intellektuellen Prekariats hat man so im Grunde auf acht Seiten bereits all das gesagt, was dann auf den folgenden 320 Seiten noch mal ordentlich ausgewalzt wird.

Alles Freizeit oder was?

Ein Kapitel, in dem die Autoren einen “normalen” Tag im Umfeld der Generation Doof beschreiben. Dass sie an diesem Tag scheinbar ausschließlich Menschen begegnen, die kognitiv deutlich zu früh abgebogen sind, kann man im Grunde auf genau zwei Weisen interpretieren, und beide sind nicht sehr schmeichelhaft für das Autorengespann. Denn entweder verkehren die beiden ausschließlich in Kreisen, die sich  nur aus Evolutionsbremsen und Monosynaptikern mit Schlampenstempel auf dem Steißbein zusammensetzen; oder sie haben alle Begegnungen mit Menschen, die zwischen ihren Ohren mehr als einen Zettel “Ich schulde dir ein Gehirn. Gott” haben, schlichtweg unterschlagen, um so ihrer Nachricht vom blöden Deutschland mehr Nachdruck zu verleihen… (letzteres halte ich ehrlich gesagt für wahrscheinlicher).

Wie dem auch sei, viel Neues gab es auch hier nicht zu lesen. Stattdessen  gab es Glückskeksweisheiten à la “Einer der Hauptgründe, warum unsere Generation als doof wahrgenommen wird, liegt in unserer mangelhaften Bildung” (S. 49) – NO SHIT SHERLOCK!

Oh, und noch so ein Lieblingskind der Autoren wird in diesem Kapitel zum ersten Mal aufgegriffen: Der Jugendwahn unserer Gesellschaft, der sich mittlerweile nicht mehr nur auf das physische Erscheinungsbild beschränkt (Stichwort: Mittvierzigerinnen in Hüfthosen etc.), sondern auch psychisch um sich greift, in dem er die Menschen von heute in eine Generation von Realitätsverweigerern verwandelt, die nicht erwachsen werden wollen. Soweit jedenfalls die Autoren. Ich persönlich würde ja nicht unbedingt von “Realitätsverweigerung” und “nicht erwachsen werden wollen” sprechen, nur weil sich die Erwachsenen von heute teilweise für Videospiele  oder technische Spielereien wie ein 5.1-Surround-Sound-System begeistern können, aber ich nehme an, da kann man verschiedener Auffassung sein…

Bildung

Keine Ahnung warum das Kapitel Bildung heißt, viel damit zu tun hat es jedenfalls nicht. Ungefähr die erste Hälfte geht ausschließlich dafür drauf, um dem Leser vor Augen zu führen, was er angeblich alles nicht weiß; und um die finanzielle Imkompetenz der Deutschen von heute zu beleuchten. Dann endlich wendet man sich dem Ort zu, wo man die Wiege der Dummheit ausfinding gemacht zu haben glaubt: der Schule. Dass Stefan Bonner hier erstmal die Geschichte vom eigenen, absichtlich versenkten Mathe-Abitur zum Besten gibt, lässt zumindest bei mir allmählich den Verdacht aufkommen, dass es den Autoren für eine Kritik am deutschen Schulsystem ein wenig an Kompetenz mangelt.

Gut, wobei das Wort “Kritik” hier vielleicht ein wenig übertrieben ist. Kritisiert wird hier ja im Grunde nichts, stattdessen werden Geschichten aus der Vergangenheit der Autoren erzählt. Auch der Versuch, die Schwierigkeiten des Lehrerberufs zu beleuchten, versuppt sofort wieder in Pauschalformulierungen wie “Eines steht zumindest fest: Die geistigen Fähigkeiten der Generation Doof schrumpfen immer weiter auf Bröckchengröße” (S. 87). Allmählich gehen mir die ganzen Verallgemeinerungen ordentlich auf den Sack. Ich habe mittlerweile begriffen, dass die Autoren die heutige Generation für einen Haufen gesinnungsblonder PISA-Opfer halten, das muss nicht in jedem dritten Satz wiederholt werden…

Mehr kommt hier dann auch nicht mehr. Man legt noch mal den Finger auf die Wunde, indem man darauf hinweist, das Deutschland weniger für Bildung ausgibt als skandinavische Länder, und beklagt die Verschleuderung von Studiengebühren an deutschen Hochschulen.

Oh, doch, dann gibt’s doch noch “Neues”, zumindest für das Buch: In zwei Absätzen wird mal ganz kurz erwähnt, dass es abseits von Berufsschul-Gänxtas, Intelligenz-Allergikern und anderen kognitiv suboptimierten Individuen auch noch junge Menschen gibt, die ihr Gehirn benutzen, indem sie zum Beispiel eine eigene Firma gründen. Da das aber irgendwie nicht zur Gesamtaussage “Deutschland ist blöd” passt, wendet man sich lieber schnell wieder anderen Themen zu.

Beruf

(So, ab sofort halte ich die Kritik zu den einzelnen Kapiteln etwas knapper; erstens, weil eh nicht mehr viel Neues kommt, und zweitens, weil ich hier irgendwann auch mal fertigrezensiert haben will.)

Und heiter geht es weiter: Nicht nur in der Schule und der Uni verkackt die Generation Doof, auch im Berufsleben gewinnen wir keinen Blumentopf. Das beginnt damit, dass wir anscheinend schon viel zu dumm sind, als dass uns überhaupt ein Unternehmen einstellen würde. Die Tatsache, dass auch oder vor allem auch ältere Menschen (also alles vor der Generation Doof) zur Zeit keinen Job finden, wird dabei ignoriert (dieses Verfahren kennen wir ja bereits).

In diesem Kapitel wird allerdings auch ein Problem aufgegriffen, bei dem ich den Autoren nur zustimmen kann, und zwar die gnadenlose Verhätschelung von Kindern. Kein Wunder, dass Klein-Phillip-Leander in der Schule zu einem Arschlochkind wird, wenn seine Eltern ihm dauernd das Gefühl geben, er sei so unglaublich einzigartig und begabt und überhaupt genau das, worauf die Menschheit seit Urzeiten gewartet hat…

Naja, der Rest läuft dann wieder nach altbekanntem Schema: Man sucht Menschen raus, deren Lebensgeschichte an anderer Stelle als abschreckendes Beispiel durchgehen würde, und verkauft sie dem Leser als Durschnitts-Doofen, der repräsentativ ist für eine ganze Generation. Nebenbei regt man sich noch ein bisschen künstlich über die vom Denglischen durchzogene Business-Welt auf (ja, das war Absicht), um dann zu einem Fazit zu kommen, dass irgendwie nicht zu dem passen will, was im Kapitel selbst steht: “Es gibt also durchaus Hoffnung für die Generation Doof” (S. 152).

Unterhaltung, die man auch mit dem Zweiten besser nicht sehen sollte (= Fernsehen ist scheiße)

Was soll ich dazu noch sagen? Kernaussagen des Kapitels: Die Qualität des Fernsehens heutzutage ist bescheiden, auf YouTube findet man einen Haufen Quatsch und die Wirkung von Ballerspielen ist umstritten. ACH. KOMM. Wer hätte das gedacht? Und dafür gehen an dieser Stelle 60 Seiten drauf. Am besten schnell weiter…

Liebe

Dieses Buch lässt aber auch gar nichts aus… Ähm, ja. Das Kapitel beginnt damit, dass die Gesellschaft liebestechnisch in zwei Gruppen aufgeteilt wird: Die Fraktion der Player, Styler, Arschgeweihträgerinnen und anderen Diskotheken-Proleten, denen es um den schnellen, unverbindlichen Fick am Wochenende geht; und auf der anderen Seite die Gruppe der realitätsflüchtenden Endzeit-Romantiker, die sich in ihrer Wohnung aka Liebeshöhle mit Rosenblättern, Komplimenten und beschissenen Spitznamen à la “Hasipupsi” gegenseitig totkuscheln, bis es auch bei denen irgendwann nicht mehr läuft und sie sich ganz unromantisch den Laufpass geben, um drei Tage später eine(n) Neue(n) zu haben. NEIN VERDAMMT, WIR BETREIBEN HIER KEINE SCHWARZ-WEISS-MALEREI, WIE KOMMT DER DENN AUF SO EINEN UNSINN?!

Anschließend wird ein bisschen analysiert, wie die Generation Doof denn überhaupt an kopulationsbereite Objekte = Partner kommt: natürlich über das Internet! Mysteriöserweise wird bei Stefan Bronner und Anne Weiss jedoch selbst World of Warcraft zur multimedialen Partnerbörse. Langsam wundert mich hier gar nix mehr…

Irgendwie kriegen die beiden Autoren dann aber doch noch die Kurve zum nächsten und glücklicherweise auch letzten Thema:

Erziehung

Dass hier einiges im Argen liegt, hatte ich schon lange geahnt. Dank diesem Buch weiß ich jetzt auch endlich warum: Die Eltern von heute sind alles egoistische Arschlöcher, die viel lieber Zeit mit sich selbst verbringen, als sich der Erziehung ihrer Brut zu widmen! Entschuldigung, aber jeder der auch nur mal eine Sekunde lang “Super Nanny” geschaut hat (jaja, das böse Fernsehen) weiß das o__O. Denn dass besagtes Fernsehen als Erziehungshilfe ungeeignet ist, versteht sich eigentlich von selbst… Auf ähnliche Weise könnte man sich auch erschließen, dass McDonald’s nicht das ist, was man gemeinhin unter einer gesunden Ernährung versteht; aber bitte, das Buch ist von der Generation Doof für die Generation Doof, kein Wunder, dass hier niemand selber denkt.

Wie blöd sind wir denn nun wirklich?

Ach du Schande, ein Nachwort… aber was soll denn die Frage jetzt? Ist das nicht genau das, was ihr vorher 320 Seiten versucht habt zu erörtern? Wenn es hier denn wenigstens ein Fazit zu lesen gäbe, das einigermaßen zum Buch davor passt. Aber nein, das wäre ja langweilig.

Stattdessen gibt es zum Beispiel folgendes: “Dennoch können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen: Hirnlosigkeit, Ignoranz, Naivität, Leichtgläubigkeit und Torheit hat es schon immer gegeben und wird es immer geben.” (S. 328) – Ja was denn nu? Haben wir das Recht auf Blödheit nun gepachtet oder nicht?! Oder: “Was wäre die Menschheit ohne Dummheit? Man hätte weniger zu lachen.” (S. 329) – Erst schimpft man hunderte Seiten lang darüber, dass wir alle blöd sind, und plötzlichen sollen wir das gut und lustig finden? Entschuldigung, aber ich glaube, hier ist es an der Zeit für ein gepflegtes WHAT THE FUCK?!

Naja, und so endet das Buch, wie es begonnen hat: Als ein Wirrwarr von Pauschalitäten, allgemein Bekanntem und einer ordentlichen Prise mangelhafter Argumentationslogik.

Uff… Das war’s. Was soll ich noch sagen? Dass das Buch für mich spätestens da verloren hatte, als die Autoren Michael Moores (durchaus unterhaltsame, aber nicht wirklich ernstzunehmende) Polemik als Bildung bezeichneten und als kritisch lobten? Oder dass die größte Erkenntnis, die ich beim Lesen hatte, folgende war: Wenn Hellmut Karasek ein Buch “bemerkenswert” nennt, meint er damit nicht automatisch “bemerkenswert gut”?

Ich weiß es nicht. Streckenweise war das Ganze ja schon recht unterhaltsam, und die Autoren sind auch durchaus wortgewandt und hatten einige Formulierungen auf Lager, bei denen ich wirklich lachen musste, aber irgendwie… der Stil… ist kein Stil, in dem man Bücher schreibt. Der Stil wäre eher für eine Kolumne geeignet, da würde es auch nicht so sehr auffallen, wenn man sich andauernd wiederholt.

Deswegen würde ich abschließend 2 von 5 möglichen Sternen vergeben. Aber auch nur, weil ich das Buch zu Weihnachten bekommen habe.


2 Kommentare bisher • RSS-Feed für KommentareTrackBack URI

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  • na, das hätte ich jetzt nicht erwartet. noch 2 sterne. dabei schimpfst du vorher so massiv.

    wenn ich mir deine über-mich seite angucke – das soll jetzt nicht besserwisserisch, lehrermäßig klingen – finde ich übrigens, du solltest die sog. ‘dummen’ (die ich genauso schlimm finde, eigentlich und überhaupt und so) doch nicht ganz so negativ betrachten. sie sind menschen. klar, wahrscheinlich neigt man zu sowas, wenn man jung ist. aber ich habe – für mich- gefunden, dass es nicht um die dummheit geht, sondern darum, ob ein mensch freundlich ist oder nicht. und selbst die unfreundlichen, ja gefährlichen, brutalen idioten sind meist zu entschuldigen, denn sie wissen es nicht besser und haben komplexe ;-)

  • Bookworm sagt:

    Hm, das “Über mich” könnte ich in der Tat mal wieder überarbeiten… Der Text dort ist ja schon 2 Jahre alt und längst nicht mehr aktuell…



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