Nun, wer kennt das nicht? Es ist Ende April, draußen herrscht strahlender Sonnenschein, die Bäume schlagen aus, Allergiker beklagen erste Engpässe bei der Versorgung mit Nasonex und ähnlichen Mittelchen, in den Geschäften werden die letzten Osterhasen aus den Regalen geräumt und die Menschen auf den Straßen wünschen sich gegenseitig Frohe Weihnachten. Eigentlich ganz normal. Oder doch nicht? War Weihnachten nicht früher irgendwann im Winter? Wenn es kalt war? Und Schnee lag?
Auch wenn letzteres der Klimaerwärmung sei Dank mittlerweile kein gesichertes Indiz mehr sein dürfte, so habe ich dennoch das Gefühl, dass hier irgendwas falsch läuft. Allerdings, wenn Weihnachten immer noch im Dezember ist – warum bekomme ich dann Emails, in denen man mir nach Ostern noch eine gesegnete Weihnacht wünscht und mir aus reiner Nächstenliebe passend zum Fest geradezu unglaubliche Rabatte auf gewisse …äh… Produkte anbietet? Die Rede ist natürlich von Spam-Emails:
Nachricht erhalten am: Dienstag, 23.04.2009, 23:33 Uhr
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Frohe Weihnachten
Ich habe mir mal den Spaß angetan und eine mögliche Antwort-Mail darauf verfasst (aber nicht abgeschickt. Will ja nicht noch mehr von diesem Müll bekommen):
Lieber Hong Barjas!
(Sofern das überhaupt Ihr richtiger Name ist, denn obwohl Sie eine rumänische Email-Adresse als Absender angeben, klingt Hong Barjas nicht wie ein rumänischer Name. Eigentlich klingt Hong Barjas überhaupt nicht wie irgendein Name. Auch wenn die Frage vielleicht etwas indiskret klingt, aber: Was haben Sie Ihren Eltern angetan, dass Sie so gestraft wurden?!)
Natürlich weiß ich Ihr großzügiges Angebot durchaus zu schätzen. Allerdings bedaure ich, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich dafür derzeit leider keinerlei Verwendung besitze, da es in meinem Leben keine Frau gibt, die sich am Erfolg ihres Produktes erfreuen könnte.
Ich würde sie jedoch bitten, ein ernstes Wort mit Ihrer Buchhaltung zu wechseln. Natürlich rechne ich es Ihnen hoch an, dass Sie alles daran setzen, mir solch nahezu unwiderstehlich günstige Angebote zu unterbreiten, aber rate ich Ihnen dringend, für die Finanzierung dieser Angebote doch besser nicht am Etat für die Büroausstattung, insbesondere an aktuellen Kalendern, zu sparen. Das Absende-Datum der Email in Kombination mit der Glückwunschformel “Frohe Weihnachten” lässt nämlich darauf schließen, dass ihre Angestellten bereits seit vier Monaten mit dem selben Kalenderblatt arbeiten müssen – ein Umstand, der nicht nur auf gewisse Art und Weise Unprofessionalität suggeriert, sondern Ihnen darüber hinaus noch eine Klage vom Betriebsrat einbringen könnte.
Ich verbleibe mit der Beteuerung, auf Sie zurückzukommen, sollte ich irgendwann einmal in meinem Leben Verwendung für ihr Produkt haben.
Hochachtungsvoll
Bookworm
Die Mail ist zwar inzwischen schon eine Woche alt, aber aktuell ist das Thema immer noch. Ich habe in den letzten zwei Tagen schon wieder zwei solcher Weihnachtsspammails erhalten. Allerdings fand ich die Namen der Absender nicht so lustig wie “Hong Barjas”.
Ich meine, mal im Ernst, was soll man denn davon halten? Sind heute selbst schon die Betrüger zu blöd, ihr Publikum zu erreichen? Hat PISA jetzt auch die Kehrseite des Gesetzes erreicht? Oder handelt es sich hier um tragische Einzelfälle? Ich meine, nicht dass ich Spammern eine übermäßig große Grundintelligenz zugestehen wollte, aber wer durch sein Treiben 20 Jahre Knast und mehr riskiert, könnte doch wenigstens so professionell sein und sein – wahrscheinlich durch Viren gespanntes – Botnetz so programmieren, dass nicht Ende April noch Spammails mit weihnachtslichen Festtagsrabatten versendet werden. Das nimmt der Nachricht nämlich auch noch den letzten Hauch von Seriösität und Glaubwürdigkeit.
Naja, mein Schaden soll’s nicht sein, so hat es Kaspersky nur noch einfacher, den Müll gleich in den Junk-Ordner zu verschieben.
Was ist denn sonst noch so passiert seit dem letzten richtigen Blogeintrag? Ach ja, ein Amokläufer hat sich wieder an Papis Waffenschrank bedient und in seiner Schule mehr als ein Dutzend Menschen abgeknallt. Warum? Natürlich weil er Killerspiele gespielt hat! Pah, von wegen, soziale Probleme, besch…eidenes Elternhaus, das ist doch alles lächerlich im Vergleich zur dämonischen Beeinflussung durch Counterstrike und Co.!
Mich kotzt das sowas von an, wie dermaßen hinterfotzig dieses Land und seine Regierung ist. Natürlich sind Verbote billiger als sich mal anständig Gedanken zu machen – deswegen wurden ja kurzerhand auch die Intel Games Night in Stuttgart und Nürnberg nach massivem Druck der Politiker “abgesagt” – Scheiß auf Grundgesetz und Freiheit der Medien! Amüsanterweise (oder vielleicht auch eher traurigerweise) war ja für das Rahmenprogramm der Nürnberger Zockernacht sogar eine vom der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützte Eltern-LAN eingeplant, auf der die Eltern mal darüber aufgeklärt werden sollten, was ihre Sprößlinge eigentlich so spielen. Aber nein! Aufklärung ist uncool, und Verbote geben die besseren Schlagzeilen ab. Im Superwahljahr 2009 muss man in Sachen Wählerverarsche ja noch mal eine Schippe drauflegen, sonst bekommt man am 27. September ja möglicherweise die Quittung für 4 Jahre Scheiße bauen oO.
Dem Fass den Bogen ausgeschlagen hat dann die Meldung, die ich gestern auf Yahoo!News lesen durfte:
München (ddp). Eine falsche Personenbeschreibung hat das Ausmaß des Amoklaufs im baden-württembergischen Winnenden möglicherweise vergrößert. Das Nachrichtenmagazin «Focus» berichtete vorab unter Berufung auf Ermittlungsakten, die Polizei habe den Amokläufer zwei Mal bemerkt, ihn jedoch aufgrund einer falschen Personenbeschreibung für einen Unbeteiligten gehalten. Die Besatzung eines Polizeihubschraubers habe den 17-jährigen Tim K. am 11. März gegen 12.20 Uhr auf dem Hinterhof eines Autohauses in Wendlingen entdeckt. Die Beamten hätten ihn jedoch «aufgrund seines unauffälligen Verhaltens und der abweichenden Personenbeschreibung zunächst nicht als Täter erkannt».
Was heißt hier denn “möglicherweise”? Diese Pflaumen von Polizeibeamten waren nicht fähig den Attentäter als solchen zu erkennen, weshalb er nicht festgenommen wurde und fröhlich weiterballern konnte. Was gibt es denn da noch für andere Möglichkeiten?
Naja. Man wird es totschweigen, so wie die Politik alles totschweigt, was nicht ins Wahlprogramm passt. Warum rege ich mich eigentlich überhaupt noch auf? Die Volksvertreter sind doch schon längst auf der Art Hyperebene über dem normalen Volk angekommen; und ein Austausch zwischen diesen beiden Ebenen funktioniert nur in eine Richtung. Anders kann ich mir nicht erklären, wie man eine Politik so weit ab seiner eigenen Wähler machen kann. Wahrscheinlich hat Christian Hayungs Recht und Schäuble hat wirklich keine Ahnung, dass “Internet” kein Medium ist, das man in Kilos misst und beschlagnahmt.
Frau von der Leyen und ihrer Pseudo-Anti-Kinderporno-Gesetzgebung, die de facto nichts anderes als eine Zensur der Medien darstellt, geht es vermutlich ähnlich. Natürlich ist es löblich, was gegen den Missbrauch von Kindern zu tun, aber doch nicht auf dem Weg! Die Sperren, zu denen die Provider jetzt gezwungen werden, lassen sich von jedem Amateur mit Google-Kenntnis aushebeln, und das Anlegen von Listen mit “bösen” Domains, die früher oder später ihren Weg in die Öffentlichkeit finden werden, helfen ganz sicher nicht dabei, das Problem zu lösen. Hier haben wir es wieder einmal mit blindem Aktionismus zu tun, der im Wahljahr 2009 noch mal schnell einige Ratten auf das sinkende CDU-Schiff zurückholen soll.
Da wünscht man sich doch glatt einen Obama für Deutschland. Selbst wenn er keines seiner Wahlkampfversprechen einhalten sollte (was ja nicht der Fall ist, für knapp 3 Monate Regierungszeit hat er schon ordentlich vorgelegt), dann wäre mir es immer noch lieber, von einem charismatischen, rhetorisch perfekten Redner belogen zu werden als von irgendwelchen gesichts- und inhaltslosen Berliner Pappnasen, die sich bereits gar keine Mühe mehr geben, ihre Profitgeilheit zu verschleiern.
Was soll’s, am Donnerstag sitz ich im Flieger, dann muss ich mir das Theater hier die nächsten sechs Wochen nicht antun. Schönen Tag noch.

