Logbucheintrag vom Mittwoch, dem 31. Dezember 2008, 23:52:
Das alte Jahr geht jetzt noch so ziemlich genau 8 Minuten. Eigentlich sollte die Stimmung jetzt allmählich ihren Höhepunkt erreichen. Nicht bei mir. Ich sitze hier bei meinem Onkel, muss mir den grässliche Hip Hop meines Cousins anhören (Alternativprogramm: “Silvester mit den Flippers”) und stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
WARUM VERDAMMT SITZE ICH HIER UND FEIER NICHT ANSTÄNDIG MIT MEINEN FREUNDEN?!
Okay, das ist jetzt ganz offiziell ein Hilferuf. Jeder, der das hier liest, möge sich aufgefordert fühlen, mir per SMS (ICQ oder E-Mail stehen mir ja leider nicht wirklich zur Verfügung) seelischen und moralischen Beistand zu leisten!
Es grüßt aus der Silvester-Hölle
Bookworm
P.S. Sollte ich dieses Martyrium überleben, werde ich diesen Text irgendwann in einen Erlebnisbericht umwandeln…
Logbucheintrag vom Samstag, dem 3. Januar 2009, 23:00:
Ähm… TADA! Da bin ich wieder!
Wie ihr seht, habe ich mein Martyrium überlebt. Rückblickend war es nicht mal so unerträglich. Klar, die Musik war scheiße (was würdet ihr nehmen, wenn ihr zwischen Bushido und Schlagermusik wählen müsstet?!) und an Silvester, als ich das oben geschrieben habe, war ich ziemlich am abkotzen, weil ich mir überlegt habe, dass ich den Abend auch irgendwie mit Freunden hätte feiern können.
Aber nachdem der absolute Tiefpunkt (1. Januar, 1:47 Uhr: “Finger in Po – Mexico”) überstanden war, ging es eigentlich nur noch bergauf… Handy und Buch sei Dank ließen sich die Tage eigentlich halbwegs überstehen (auch wenn mir ruhig ein paar mehr Leute hätten simsen können
). Klar gäbe es jetzt noch ein paar kleine Punkte, die man hier gut auswalzen und breit treten könnte, aber letztendlich geht es immer noch um die Familie und da gehört sich das einfach nicht.
So, erster Mülleintrag 2009 wäre geschafft. Jetzt kann es ja nur noch besser werden.
Nehmen wir einfach mal an, der typische Deutsche futtert in der Advents- und Weihnachtszeit etwa 1,5 – 2 Kilo Süßkram. Wahrscheinlich ist es in Wirklichkeit eher mehr, aber anhand meiner Familie ließ sich auf die Schnelle kein höherer Wert festsetzen.
Nun gibt es in Deutschland 82 Millionen Menschen. Das heißt also:
2 kg * 82.000.000 = 164.000.000 kg
164.000 Tonnen Süßkram… Erscheint mir ja eigentlich sogar ziemlich wenig. Zur Not ließe sich da ja alles mit einem einzigen großen Schiff wegkarren… Egal. Wenden wir uns der Energie zu, die darin steckt. Der Einfachheit wegen pauschalisieren wir jetzt mal, was den Brennwert angeht und legen ihn auf 2200 Kilojoule pro 100 Gramm fest (in etwa der Brennwert von Vanillekipferln). Das macht dann ungefähr:
164.000.000 kg * 22.000 kJ/kg = 3.608.000.000.000 kJ
Rechnen wir das mal in Wattstunden (weil die SI-Einheit Joule sich irgendwie noch nicht so recht durchsetzen konnte…) um:
3.608.000.000.000 kJ = 1002222222222 Wh = 1002 GWh
So, und um jetzt mal ein Gefühl für die Größe dieser Zahl zu bekommen: Das größte deutsche Atomkraftwerk, der Block 2 des Kernkraftwerks Isar, liefert im Jahr etwa 12239 Gigawattstunden. Das macht im Monat also etwa 1020 Gigawattstunden.
Wenn wir also allen Süßkram, den die Deutschen so jedes Jahr zur Weihnachtszeit verputzen, in reine Energie umwandeln und in das Stromnetzwerk einspeisen könnten, dann wäre es möglich, dieses Atomkraftwerk den ganzen Dezember lang abzuschalten!
Für die Richtigkeit der Rechnung will ich mal nicht garantieren… auch wenn sie mir plausibel erscheint und mein physikbewanderter Lektor ebenfalls keinen Fehler feststellen konnte. Achso… eigentlich ist die Rechnung noch beschönigt, weil hier ja der physiologische Brennwert der Plätzchen Grundlage der Rechnung ist, und der ist ja geringer als der physikalische.
„Jetzt macht sofort den scheiß House aus! Wir wollen Rock! R – O – C – K!“
Felix und ich hocken allein in dem zugegebenermaßen recht kleinen Kinosaal, und da der Film noch nicht angefangen hat, bleibt noch reichlich Zeit, sich über die hässliche Musik im Vorspann zu beschweren und sich über die Leute („Mädchen und Typen, die gern die Freunde der Mädchen wären“) lustig zu machen, die im Kinosaal nebenan Madagascar 2 gucken. Heute Abend wollen wir uns Max Payne reinziehen. Der jetzt endlich auch bei uns im Kino läuft. Während allmählich doch noch ein paar andere Besucher ihren Weg zu uns in den Saal finden (und sich natürlich – gemäß ihrer Karten – genau neben uns setzen obwohl ja nur schlappe 15 andere Sitzreihen komplett freigewesen wären), überlegen wir uns, was wir von dem Film erwarten dürfen. Der Trailer auf YouTube war ja sehr vielversprechend; düstere Atmosphäre, spektakuläres Geballer, dazu äußerst passend „If I was your vampire“ von Marilyn Manson. Alles in allem versprechen wir uns eine solide Freitagabendunterhaltung – keinen Quantensprung was die Idee der Story angeht, aber wenigstens eine schön düstere Film noir-Variante der Thematik.
Das Licht geht aus. Nach der geradezu obligatorischen Werbung mehr für irgendwelche Ramschläden aus der näheren Umgebung fangen die Trailer für andere Filme an. Australia – keine Ahnung worum es wirklich geht, aber auf mich machte es den Eindruck, als sei es eine Mischung aus „Pearl Harbour“, „Titanic“ und irgendeinem seltsamen Wild-West-Streifen. Also eigentlich alles, was in den letzten 30 Jahren im Kino erfolgreich war, in einem Film. Dann „Bolt“ – noch so ein komischer Pixar-Animations-Mist. Irgendein Filmstar-Hund reißt vom Set aus und fällt draußen erstmal derbe auf die Fresse, als er merkt, dass er in Wirklichkeit keine Superkräfte hat. Laaangweilig. „Der Tag an dem die Erde stillstand“ – die Specialeffects waren fragwürdig und irgendwie finde ich die Story bescheuert. 50er Jahre Sci-Fi eben. Und dann der absolute Knaller: „Death Race“. Da ist ja schon der Trailer dermaßen schlecht, dass nur die allerblödesten Actionfans sich den reinziehen werden. Irgendwelche Knastbrüder fahren in schwerbewaffneten Autos Wettrennen – der Sieger ist frei. Sorry, aber das ist doch einfach nur bekloppt. Um dem Ganzen aber noch die Krone aufzusetzen, lassen sie auch ein paar leichtbekleidete, scheinbar ultraharte Knastweiber mitfahren – was wirklich dahinter steckt ist ja wohl auch klar: Sex sells!
Naja. Dann endlich der Film. Als Mark „Ich seh‘ fast aus wie Matt Damon“ Wahlberg da so im Fluss treibt, fühlen wir uns schon schwer an die Bourne-Filme erinnert. Allgemein, ich greife hier einfach mal vorweg: Mark Wahlberg ist kein Max Payne. Max Payne ist ein Antiheld, und diesem Anspruch wird der Film absolut nicht gerecht.
Gut, der Film geht weiter, man kriegt Charaktere ohne Ende um die Ohren geschlagen, die einmal und dann nie wieder auftauchen. Zum Teil kriegen sie nicht mal einen Namen. Oder man erfährt ihn erst, wenn es eigentlich keinen mehr interessiert. Ist auch egal, schauspielerisch überzeugt hat keiner wirklich. Am ehesten vielleicht noch Mila Kurtis alias Mona Sax, die in ihrer Rolle als übertrieben zugeschminkte Profikillerin der Russenmafia (jedenfalls vermute ich, dass sie das darstellen sollte) aber aufgrund des lausigen Drehbuchs mit seinen zum Teil absolut unglaubwürdigen Dialogen auch keine Chance hatte, den Charakter irgendwie zu entwickeln. Irgendwie geht die Geschichte dann doch weiter und Max Payne steckt zum ersten Mal wirklich bis zum Hals in der Scheiße, als der komische Russensöldner Lupino ihm sein „Schwert“ an die Kehle hält. Doch Max Payne wäre nicht Max Payne, wenn ihm niemand den Arsch retten würde. Also benutzen die Drehbuchautoren den schlechtesten Trick der Filmgeschichte und lassen mit B.B. einen Deus ex Machina auftreten, der Lupino in letzter Sekunde eine Kugel in die Brust jagt.
Sich der Illusion hingebend, die Geschichte würde besser, wenn sie eine unvorhersehbare Wendung erfährt, wird dieser B.B., der wohl er ehemalige Partner von Max Paynes Vater ist, dann auch gleich zum wahren Bösewicht der Geschichte, der für die Ermordung von Paynes Familie verantwortlich ist. Sorry Leute, sowas funktioniert vielleicht in dem Videospiel „Max Payne“, aber in Filmen ist das einfach nur total ausgelutscht. Vielleicht hättet ihr dem Film etwas mehr Eigenständigkeit, einen anderen Titel und das Prädikat „inspired by Max Payne“ verpassen sollen, anstatt den äußerst beliebten Gameklassiker cineastisch zu vergewaltigen.
Egal, so reiht sich eben weiter Actionsequenz an Actionsequenz und Max Payne jagt weiter durch die Straßen von New York (wo es ganz offenbar kein einziges Haus gibt, das nicht total verratzt und von einer Horde Sprayer verunstaltet wurde). Ganze Armeebestände voller Kugeln werden auf ihn abgefeuert, aber natürlich trifft ihn niemand wirklich entscheidend. Als er durch einen beherzten Sprung in den zugefrorenen Hudson River seine Haut gerade noch mal vor B.B. und seinem Mordbuben ohne Namen retten kann, sind wir da angelangt, wo der Film angefangen hatte. Kleine Frage zwischen durch: Seit wann bestehen Eisschollen eigentlich aus Styropor? Hier wäre allgemein mal ein guter Zeitpunkt erreicht, um die Technik des Films zu kritisieren. Es ist ja in Ordnung, wenn besagte Schollen nicht wirklich aus Eis sind, damit Mister Wahlberg sich beim Dreh keine Lungenentzündung zuzieht. Aber hätte man nicht wenigstens ein Material nehmen können, das: Erstens auch wie Eis aussieht und zweitens eine ähnliche Dichte hat? Entschuldigung, aber eine echte Vier-Quadratmeter Eisplatte der Dicke 15 Zentimeter hängt nicht wie die sinkende Titanic in der Luft, wenn Max Payne sich daran hochzieht. Und auch der Schnee sah nicht aus wie Schnee, sondern mehr wie dieses komische Plastikzeug, das manche Menschen an Weihnachten auf dem Baum schmeißen, um somit die Illusion von Schnee zu erzeugen. Im Privatbereich mag das ja vielleicht auch okay sein, aber bei einem 35 Millionen Dollar Film erwarte ich etwas mehr.
Und damit Max Payne nicht erfriert, wie jeder andere Mensch es an seiner Stelle jetzt tun würde, nimmt er die Droge „Valkyr“. Jetzt sieht auch er die Walküren, bei denen ich bis zum Ende des Films nicht begriffen habe, was sie eigentlich darstellen und ob sie real sind oder nicht. Meine derzeitige Interpretation geht davon aus, dass sie Wahnvorstellungen der Süchtigen sind, die sie irgendwann in den Selbstmord treiben. Spätestens jetzt kackt auch das Szenenbild ab: Ein blutroter Himmel mit davor kreisenden Walküren – klauen wir nun auch bei „Constantine“ oder was?! Da Max Payne aber Max Payne ist, lässt er sich von den paar lächerlichen Halluzinationen nicht aufhalten und macht sich auf den Weg zu Aesir Pharmaceuticals, dem ehemaligen Arbeitsplatz seiner toten Frau, da er dort Rache an B.B. nehmen will.
Wir erreichen also langsam den Höhepunkt des Films. Im Gebäude trifft er wieder auf Mona, die ihm in letzter Sekunde den Arsch rettet und dann losgeht, um „sie“ so lange wie möglich aufzuhalten (zum Glück bemüht der Film keine Klischees >.<). Sie, das ist die Armee aus Polizisten, die am Fuß des Gebäudes aus geschätzten achthundertdreiundneunzigmillionen Streifenwagenwagen entsprungen ist um jetzt Max Payne im Leichensack aus dem Gebäude zu tragen. Spätestens hier war dann die Grenze zur Lächerlichkeit erreicht. Als B.B.s namenloser Komplize dann im geschätzten 187. Stock seinen Sprengstoff zündet, guckt die versammelte Polizeimannschaft nach oben – ehrlich gesagt habe ich nur auf das Raumschiff und die Botschaft „Wir kommen in Frieden“ gewartet. Die herabstürzenden Trümmer zerschmettern sehr bildgewaltig ein Polizeiauto -der Film hatte endgültig Cobra-11- Niveau (Zitat Felix) erreicht (ich fand es ja eher Godzilla-mäßig)!
Schließlich kommt es zum Showdown zwischen Max Payne und B.B. Der eigentlich gar keiner ist. Denn wenigstens hier wurde mal auf übertriebene Special Effects verzichtet. Trotzdem musste man ihn natürlich kamerawirksam ganz oben auf dem Hubschrauberlandeplatz des Gebäudes inszenieren. Payne jagt ihm eine einzige Kugel in die Brust, B.B. kippt nach vorne und gut ist. Als Payne dann aber am Horizont in die aufgehende Sonne blickt, auf die Knie fällt und von Polizisten umringt wird, dachte ich auch: So schafft man es also, eine prinzipiell gute Szene durch übertriebene Melodramatik zu ruinieren. Ein toter B.B., sein im Schnee versickerndes Blut und ein bisschen klassische Musik hätten es meiner Meinung nach nämlich auch getan. Egal – der Film ist rum! Zumindest dachten wir das. Dank Wikipedia weiß ich jetzt, dass nach dem Abspann (der designtechnisch eine Katastrophe war – wozu bitte eine derart metallisch-martialische Schriftart?!) nochmal eine Szene mit Payne und Mona Sax gekommen wäre – super gemacht, wirklich.
Wie auch immer. Als wir das Kino verlassen, beginnen Felix und ich, unser Fazit für den Film zu ziehen. Das im Allgemeinen ziemlich vernichtend ausfällt. Abgesehen von der einen guten Szene, als Max Payne sich im Matrix-Stil nach hinten lehnt um einen Gegner (von dem er eigentlich nicht wissen konnte, das er existiert) abzuknallen und dabei die Kamera um ihn herumfährt und ein Regen von Glassplittern darnieder geht. Ansonsten wurden die Erwartungen krass enttäuscht. Der ganze Film hat eine absolut dämliche Atmosphäre – der Versuch, die Stadt und Max mit möglichst dunklen Farben zu zeichnen, endet bei einem pseudodüsteren Szenenbild, bei dem einem die ohne jede Logik erscheinenden Walküren und der unrealistische Dauerschnee irgendwann verdammt auf den Keks gehen. Hängt wohl im Wesentlichen mit dem Drehbuch zusammen, das in etwa so löchrig ist wie Paynes Socken. Kein Wunder, dass die Fans des Spiels Zeter und Mordio schreien und „ihre“ Geschichte misshandelt sehen…
