Diese Woche war es soweit: BOGY stand an und knapp 100 halbstarke Schüler wurden zum ersten Mal für eine Woche in die raue Berufswelt entlassen. Für die werten Leser, denen das kein Begriff ist: BOGY, das; ein Akronym für “Berufsorientierung an Gymnasien”, ein für alle Schüler der zehnten Klasse an baden-württembergischen Gymnasien verpflichtendes Praktikum zur Berufserkundung, das eine Woche dauert und beim Entscheidungsfindungsprozess helfen soll. Muhaha. War das nicht eine Super-Erklärung? Tjaah, das kommt dabei raus, wenn man in 5 Tagen geschätzten 30 Leuten erklären muss, was man eigentlich in ihrem Betrieb zu suchen hat.
Damit wären wir dann eigentlich auch schon beim Thema. BOGY. Was ich jetzt hinter mir habe. Zum Glück. Wobei ich mich ja wirklich nicht beschweren kann. Die Damen und Herren, denen ich zugeteilt war, haben sich (meistens) echt Zeit genommen und alles erklärt und die Woche war größtenteils wirklich sehr interessant und lehrreich. Aber wie es nun einmal so ist; alles hat zwei Seiten. Und da ich eigentlich eine verdammt pessimistische Grundeinstellung habe und es mit dementsprechend liegt, über die negativen Dinge zu schreiben, beleuchte ich also hauptsächlich den Teil der Woche, an dem ich etwas anzukreiden habe.
Bedauerlicherweise fing das schon am Montag an. Ich war in der Lehrwerkstatt. Lehrwerkstatt, jawohl. Da wo die Zerspannungsmechaniker in spe lernen, eckiges Metall rund zu machen. Wo sich die Lehrlinge in Anfällen kindlichen Spieltriebs gegenseitig Kühlflüssigkeit in den Schritt spritzen, um den Anschein zu erwecken, dass… – ach, geschenkt. Auf gut Deutsch: Praktisches Arbeiten in intellektuell eher mittelmäßigem Milieu. Ich will es ja garnicht genauer ausführen, aber ich drücke es mal so aus: Ingenieurspraktikum ist für mich etwas anderes. Zumal ich mich als verdammter Theoretiker ungern in die Nähe von Fräß-, Bohr- und Sägemaschinen begebe, die schon erfahrenere Menschen als mich einen Arm oder sonstiges Extremitäten gekostet haben. Diese Arbeitsunfälle waren äußerst schön und ausführlich in einem kleinen Heftchen mit dem Titel “Unfallvermeidendes Verhalten am Arbeitsplatz” dokumentiert, welches ich mir durchlesen durfte, bevor ich auch nur eine Feile in die Hand bekam. Sowas weckt die Konzentration und aktiviert das Veranwortungsgefühl – jedenfalls denke ich mal, dass das der Sinn und Zweck war. Bei mir hat das Heft glaube ich leicht seinen Zweck verfehlt… ähü…
Gut, der Tiefpunkt der Woche war überstanden. Jetzt konnte es ja nur noch aufwärts gehen: Und tatsächlich, statt der ölverschmierten, spanverdreckten Lehrwerkstatt erwartete mich am nächsten Tag die Entwicklungsabteilung. Technisches Zeichnen, zum Teil mit CAD-Programm. Juchuu, ich war im Himmel! Wenn auch im falschen. Denn das ist ja eigentlich ein Job für Maschinenbauingenieure…
Dass der Mittwoch dieses hohe Niveau nicht würde halten können, war mir eigentlich schon vorher klar. Der Tag in der Versuchsabteilung fing schon damit an, dass mein eigentlicher Betreuer “sich noch nicht im Haus befand”. Wahrscheinlich noch gemütlich frühstücken. Pünktlicher Schichtbeginn, ja wo kommen wir denn da hin? Wir sind schließlich Ingenieure und tun was uns gefällt, jawohl! Der Tag wurde dann doch noch sehr nett, als mich kurzerhand ein anderer Ingenieur mit an seinen Prüfstand nahm und mir alles erklärte. Dass der für diesen Tag geplante Test mehr oder weniger im Sande verlief, war schlichtweg einer fehlerhaften Steuerung zuzuschreiben.
Der Donnerstag war dann zweigeteilt, ebenso wie der Freitag. Morgens ging es zur Arbeitsvorbereitung, da wo die Leute sitzen, die die Maschinenbauingenieure aus der Entwicklung an den Füßen packen und von ihrer Wolke herunterziehen, indem sie ihnen die Grenzen des wirtschaftlich Machbaren aufzeigen. War ganz interessant, ich habe viel über Rentabilität und gewinnsteigerndes Produzieren gelernt, bevor es am Nachmittag zu den echten Cracks aus der Beschaffungs-Abteilung ging. Die Wirtschaftsingenieure (das war der Job, den ich im BOGY-Praktikum kennen lernen wollte) kümmern sich zwar vornehmlich darum, dass alle Teile die gebraucht werden, auch wirklich da sind, in dem sie Lieferanten, die nicht rechtzeitig liefern, in den Arsch treten, aber so von Fakten erschlagen wie nach diesen zweieinhalb Stunden war ich schon lange nicht mehr. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich mit allen wichtigen Grundlagen zu TPS, Kanban, Wirtschaftlichkeit, Prozessoptimierung und japanischer Unternehmensphilosophie zugeballert, dass ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kann, was denn jetzt tatsächlich in meinem Hirn hängengeblieben ist…
Es gibt ein Land, wo weiße Nebelschwaden unter der Halledecke wabern und ein unverkennbarer Geruch nach Kühlmittel der vorherrschende olfaktorische Reiz ist. Wo Schreien ein gängiges Kommunikationsmittel ist, um den Lärm der Maschinen zu übertönen. Wo man unter Rolltoren durchhechtet, um nicht von diesen erschlagen zu werden, weil irgendein Mitarbeiter den Fußgängerweg mit seinem Palettenheber zugeparkt hat. Dieses Land heißt Fertigung. Und hier verbrachte ich meinen Freitagmorgen. Hauptsächlich mit einer ausführlichen anderthalb Stunden Führung durch die ganze Halle. Am Nachmittag machte ich Station der der Serviceabteilung, wo ich zunächst von einem freundlichen Mitarbeiter alles über die Abwicklung von Reparaturen erfuhr, bevor ich einem anderen Mitarbeiter überstellt wurde. Der nicht nur auf dem Papier der Chef des Ladens ist. Dieser Mann strahlte einfach Führungsqualität aus. Und genau dieser Mann erklärte mit zunächst einmal: Englisch ist keine Fremdsprache mehr. Zitat Chef: “Also Englisch ist eine absolute Selbstverständlichkeit. Das würde ich garnicht mehr als Fremdsprache bezeichnen. Wer das nicht nicht zumindest in der Schriftsprache sehr gut beherrscht, braucht sich hier garnicht erst zu bewerben.” Tjoa. Fette Sache, was?
Hmmmm… soweit eigentlich mal. Achso, um mal auf den Titel zurückzukommen: Die Schule ist auf das, was einen im Berufsleben erwartet, echt eine beschissene Vorbereitung. Da lernt man weder, einen Vormittag ohne Frühstückspause zu überstehen, noch nach vier Stunden Stehen immer noch freundlich lächeln zu können. Small-Talk-Qualitäten? Kümmer’ dich selber drum! Wie hört man 6 Stunden am Tag aufmerksam zu, ohne Aspirin-abhängig zu werden? Dein Problem! Und deswegen ist Schule schön. Weil sie doch echt eine ganze Spur entspannter ist als das, was einen in der bösen großen Ellenbogen-Welt der Wirtschaft so erwartet.
P.S. Wo genau ich mein BOGY gemacht habe, werde ich aus Gründen der Diskretion selbstverständlich nicht im Internet veröffentlichen.
