Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, dass mein privilegiertes Schülerdasein ein jähes Ende gefunden hat und ich eine Stelle als Pfleger in einem Heim für geistig Behinderte angetreten habe – und das alles, ohne mich darüber in Kenntnis zu setzen. Nichts gegen geistig Behinderte – die können ja in den seltensten Fällen etwas für ihr unglückliches Schicksal. Aber diese Vollpfosten, mit denen ich mir werktags 30 Stunden eine Gemeinschaftszelle teile, die können was. Mir zum Beispiel den Buckel runterrutschen.
Jetzt labert der schon wieder über das, was ihm so in der Schule widerfährt.
Jawohl, dass tue ich. Und dazu habe ich jedes Recht. Denn langsam wird mir wirklich klar, warum Deutschland beim Programme for International Student Assessment – oder auch einfach nur kurz: PISA-Studie – bloß im Mittelfeld rumrobbt:
Als ich diese Aufgabe in meinem Mathebuch (Klassenstufe 10, Gymnasium) gefunden habe, habe ich – ganz ohne Witz – das Buch nocheinmal umgedreht und mich versichert, dass ich nicht zufällig das Mathebuch meiner Nachhilfeschülerin (6. Klasse, Hauptschule) eingesteckt habe.
HALLO? Ich dachte mich tritt ein Pferd! “Gib in der nächstkleineren Einheit an” – sowas macht man doch in der 5. Klasse! Und bitte, wer jetzt mit dem Argument, man wiederhole den Stoff kommt, der fängt ein. Ich sag es jetzt mal ganz unverblümt: Wer sich bei diesem Thema so unsicher ist, dass er eine Wiederholung benötigt, der hat verdammt noch mal die falsche Schulform gewählt!
Naja… am besten reg’ ich mich garnicht mehr darüber auf. Das hab ich eh schon genug. Am Mittwoch. Bevor am Donnerstag der nächste Höhepunkt der Woche anstand: Musikunterricht. Der Lehrer lässt die Glockenspiele verteilen (= 20 gestörte Schüler stürzen auf den Schrank zu und kämpfen um die Instrumente wie ein paar ausgehungerte Straßenköter um ein saftiges Filet-Steak), dann fängt der Wahnsinn erst wirklich an. Was sich in der restlichen Stunde abspielt, beschreibt man wohl am besten wie folgt: “30 Gymnasiasten klampfen 40 Minuten lang wie die Gestörten auf ihren Glockenspielen rum und versuchen dabei, die Töne der pentatonischen Tonleiter zu treffen. Der Lehrer ist begeistert und nennt es Improvisieren. Mit dem Arbeitseifer eines Baumstumpfs haue ich lust- und wahllos vier Töne an und tue so, als wäre das mein einstudierter ‘Call-Takt’. Erstaunlicherweise komme ich damit durch. Dann singen wir noch. Es gongt. Stunde beendet. Wieder einmal eine Dreiviertelstunde voller Bewunderung für meine Ohren, die trotz des neuerlichen Ansturms akustischer Abscheulichkeiten nicht den Dienst quittiert haben, herumgebracht.”
Nein, also wirklich… Vielleicht sollte ich mich langsam mit den Zuständen hier abfinden. Möge Gott mir 13 Jahre Fegefeuer – falls es denn eins gibt – erlassen; gelitten habe ich auch auf Erden in ausreichendem Maße. Wobei es ja schon irgendwie traurig ist: Zehntklässer, die beim Umrechen von Ar in Quadratmeter scheitern. Zehntklässler, die sich nicht zu schade sind, die Große Pause in einem Schrank zu verbringen, nur damit der Hausmeister sie nicht zwingt, auf den Hof zu gehen. Ach egal – denn du bist Deutschland!
…vor den Gefahren süchtig machender Online-Rollenspiele:
Für alle, die es interessiert: Die Grafik habe ich hiermit erstellt.
